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Skorpion - Das Tier |
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Smilies mit anderen Vorzeichen |
Dieser Mythos ist so ungefähr das einzig Positive, was über Skorpione in den letzten paar tausend Jahren verzeichnet wurde. Seit Urgedenken verkörpern die bösartig aussehenden Kreaturen Tod und Verderben, Nacht und Gefahr. Im Alten Testament droht der König Rehoboam seinen Untergebenen, sie nicht mit Peitschen, sondern viel schmerzvoller, mit Skorpionen zu bestrafen. Voller Abscheu schrieb Plinius der Ältere im ersten Jahrhundert: "Sie sind eine schreckliche Plage, giftig wie Schlangen, doch sie setzen ihr Opfer einer noch schlimmeren Tortur aus, nämlich einem dreitägigen Todeskampf. Ihr Giftstachel ist jederzeit zum Angriff bereit, auf dass er ja keine Gelegenheit verpasst." Kurz: Der Skorpion hat einen ausgesprochen miesen Ruf, und steht weltweit auf jeder Hitliste der gemeinsten Tiere. |
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Es gibt jedoch jemanden, der das alles etwas anders sieht, nämlich der amerikanische "Skorpionpapst" Gary Polis. Er meint: "Lieben muss man sie nicht. Aber die Tiere sind ein phantastisches Modell dafür, wie Lebewesen unter extremsten Bedingungen existieren können. Sie sind eine unglaublich erfolgreiche Tierart, und wir fragen uns immer wieder: Wie haben sie das geschafft?" Skorpione gehören zu den ältesten Lebewesen auf unserem Planeten. Vor mehr als 400 Millionen Jahren existierten in den Ozeanen "Wasser-Skorpione", etwa 100 Millionen Jahre später müssen sie an Land gekrochen sein. Das belegen die fossilen Reste; ebenso die Länge der Urzeit-Skorpione: bis zu einem Meter. Die Form ist aber bis heute weitesgehend gleich geblieben. Dass die Wissenschaftler den Methusalem unter den wirbellosen Tieren überhaupt so weit zurückverfolgen können, verdanken sie seiner äußert praktischen Eigenschaft, unter UV-Licht in Blau-, Grün-, oder Rosatönen zu fluoreszieren. Sogar die Überreste aus Urzeiten leuchten noch auf. Polis: " Ich kann auf eine Stelle starren, von der ich weiß, da sitzt ein Skorpion - aber ich sehe ihn nicht. Nachts UV-Licht drauf - da erkennt man sie aus meterweiter Entfernung." Skorpione leben gern in menschenfeindlichen, kargen heißen Wüsten, in denen es weder Nahrung noch Wasser zu geben scheint. In Baja California (Wüste südl. von San Diego in Mexiko) wimmelt es nur so von ihnen. Die Biomasse der Skorpione in Baja California und in manchen anderen Wüstengegenden wiegt mehr als die aller restlichen Wüstentiere zusammen - wie Kojoten, Mäuse, Eidechsen und Ratten. Im Gegensatz zu den Artgenossen, die auf Bäumen im Dschungel herumklettern, sind Wüstenskorpione wahre "Couchpotatoes". Ein Sandskorpion in Baja verbringt 92 bis 97 % seines Leben im Erdloch. Ab und zu krabbeln die gelblichen fahlen Tiere nachts aus ihrer Höhle, verharren reglos davor und warten auf Beute. Schwer vorstellbar, dass sie auf diese lahme Art überhaupt etwas fangen. Doch der Skorpion arbeitet mit einem ausgeklügelten, einzigartigen Sensorsystem. Er ist sein eigener Seismograph, der den Mikro-Sturm einer vorbeifliegenden Motte wahrnimmt - mit extrem empfindlichen Härchen an den Greifarmen, die jede noch so geringe Luftbewegung registrieren. Damit ortet der Skorpion die Motte präzise - und der Skorpion greift sich seine Mahlzeit in stockdunkler Nacht aus der Luft. Gefressen wird, was unter die Kieferklauen kommt: Motten, Spinnen, kleine Eidechsen, Insekten aller Art und auch Skorpione. Und die besonders gern. Skorpione sind ausgeprägte Kannibalen. Der Wüstenbewohner hat den geringsten Wasserverlust von allen Tieren überhaupt; er geht gegen Null. Manch ein Skorpion trinkt sein Leben lang gar nichts - seine Nahrung enthält alle Flüssigkeit, die er benötigt. Der Skorpion gilt als der effektivste Futterverwerter - 70 % seiner Nahrung wandelt er in Körpergewebe um (ein menschliches Baby schafft etwa 5 %). Obendrein ist der Skorpion ein ausgewiesener Hungerkünstler: Wenn es sein muss, kann er ein Jahr lang ohne Nahrung auskommen; eine Motte reicht für Monate. Wer nur ab und an vor seinem Erdloch herumsitzt und eine Fliege verdaut, verbraucht kaum Kalorien. Und wird alt: bis zu 25 Jahre. All diese Extreme sind auf den niedrigen Stoffwechsel zurückzuführen; vergleichbar mit dem einer Zuckerrübenwurzel. Noch ein Extrem: Kein anderes Lebewesen reagiert so sensibel auf Licht. Neueste Studien kommen zum Ergebnis, dass den Skorpionen das Sternenlicht als Orientierungshilfe völlig ausreicht. Entgegen landläufiger Meinung leben die evolutionären Wundertiere nicht nur in der Wüste: Die etwa 1500 bekannten Arten stecken praktisch überall; unter schneebedeckten Felsen 5000 Meter hoch im Himalaja ebenso wie in 800 Meter tiefen Höhlen. In süddeutschen Wäldern fristet der hell- bis mittelbraune Euscorpius germanus sein Dasein, und in Südfrankreich verkriecht sich der Euscorpius flavicaudis in Wandspalten und wartet auf die nächste Holzlaus. Wie gefährlich sind Skorpione? Sie töten mehr Menschen als jedes andere Tier, mit Ausnahme von Schlangen und Bienen. Etwa 25 Arten tragen in ihren Giftdrüsen genügend Toxin, um einen Menschen zu töten - manchmal sogar innerhalb von Stunden. Polis warnt vor Skorpionen die schmale, kleine Greifscheren haben. Deren Stachel hat es in sich. Gegen das lähmende Gift - eine Mixtur aus bis zu 30 starken Neurotoxinen - gibt es jedoch inzwischen gute Antisera, die aus pulverisierten Giftdrüsen von Skorpionen hergestellt werden. Die Stiche der anderen Arten töten zwar nicht, haben aber tagelange Qualen zur Folge. Vergleichbar mit zehn brennenden Nadeln die gleichzeitig im Körper rotieren. Zum Verhängnis wird das Gift auch dem armen Skorpionmann nach der Paarung. Die meist größeren Weibchen [wohlgemerkt größer und nicht länger ;-)] schrecken nicht davor zurück, den Begatter nach erfolgtem Akt zu stechen und zu verdauen - das Ende einer ziemlich brutalen Paarung: Mit den Greifscheren ineinander verkrallt, tanzen sie wild vor und zurück; hat das Männchen gefunden, was es sucht, ein Stöckchen oder einen kleinen Fels, legt es sein Spermasäckchen dort ab und zerrt das Weibchen darüber. Dann heißt es, nichts wie weg - doch in einem von fünf Fällen klappt das nicht, und der Tod folgt umgehend. Warum diese Grausamkeit? " Warum nicht?" sagt Polis, der Skorpionmann. "Das Weibchen verliert doch nichts, wenn es ihn auffrisst. Er tut nichts für die Aufzucht der Jungen und ist prima Nahrung." Kein Wunder, dass Skorpione Einzelgänger sind. Nach 3 bis 18 Monaten bringen die Weibchen, im Gegensatz zum Rest der wirbellosen Tiere, lebende Babys zur Welt; im Durchschnitt 25. Die Kleinen verbringen die Phase bis zur ersten Häutung auf dem Rücken der Mutter, aber dann gilt auch für sie - nichts wie weg! Denn die Alte hat keine Hemmungen, ihre Kleinen zu vertilgen. Kaum ein anderes Tier hat in der Evolution soviel Zähigkeit bewiesen wie der Skorpion - deshalb dürfte uns der Überlebenskünstler sicher bis in alle Ewigkeit erhalten bleiben.
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